Rahmendaten

 
 

Was ist ein Psalter?

Ein Psalter ist ein liturgisches Buch, das die biblischen Psalmen – biblische Gebete – enthält. Diese Gebete­ – die größtenteils den Königen Israels, meist David oder Salomo, zugeschrieben werden – drücken Klage, Dank und Lob aus, formuliert aus der Sicht einer einzelnen Person oder der des gesamten Volkes Israel.

Die Bezeichnungen „Psalm“ und „Psalter“ (abgeleitet von griech. psalmos" – „das Zupfen der Saiten eines Musikinstrumentes, das zum Saitenspiel vorgetragene Lied“) deuten darauf hin, dass die Psalmen ursprünglich nicht nur gesprochen, sondern auch gesungen und von (Zupf-)Instrumenten begleitet wurden.

In frühen Psaltern sind die Psalmen entweder in der Reihenfolge geordnet, in der sie in der Bibel erscheinen, oder nach ihrer liturgischen Verwendung im Klosterverband oder in der Kirche.
Einige Psalter enthalten neben den Psalmen weitere Texte, die zwischen den Psalmen als Wechselgesang oder Hymnus verwendet werden. 
Da die Psalmen bestimmten Feiertagen des Kirchenjahres zugeordnet waren, enthielten die meisten Psalter neben einer Vorrede zu den Psalmen auch ein Kalendarium, das die entsprechenden Feste der Heiligen benannte.

Heute weist auch die Gottesdienstordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland jedem Sonntag bestimmte Psalmverse zu.

Der „Becker-Psalter" und sein Dichter

Cornelius Becker

Cornelius Becker
©Universitätsbibliothek Leipzig, Quelle: Wikimedia Commons

In der Zeit vor der Reformation wurden die Psalmen auf Latein rezitiert oder gesungen. Im Zuge der Reformation fanden die Psalmen in Gestalt von deutschen Nachdichtungen auch Eingang in den Gemeindegesang des deutschen protestantischen Gottesdienstes. Martin Luther hatte die Psalmen im Rahmen seiner Bibelübersetzung ins Deutsche übertragen und außerdem sieben Psalmlieder geschrieben.

Luthers Intention folgte auch der Leipziger Theologe und Pfarrer der Thomaskirche, Cornelius Becker (1561–1604). Er schrieb eigene – in Verse gefasste – Liedversionen fast aller 150 Psalmen, die er im lutherischen Sinne durch Auslegungen des jeweiligen Psalmtextes anreicherte und teils bildhaft ausschmückte. Daneben nahm er aber auch frühere lutherische Psalmparaphrasen in seine Sammlung auf. Diese wurde 1602 unter dem Titel „Der Psalter Dauids Gesangweis“ veröffentlicht. Die Originalausgabe enthielt keine Melodien, doch das Versmaß der Psalmlieder erlaubte es, sie auf bekannte Kirchenlied-Weisen zu singen – eine Praxis, die der ursprünglichen Bestimmung des „Becker-Psalters“ (für den Hausgebrauch) entgegenkam.

Titelseite Cornelius Becker Psalter Davids

Titelseite „Der Psalter Dauids Gesangweis"
von Cornelius Becker

 

Heinrich Schütz und der „Becker-Psalter"

Heinrich Schütz

Heinrich Schütz
Porträt von Christoph Spetner (um 1660)
© Universität Leipzig

Heinrich Schütz begrüßte zwar die „geistreiche Paraphrasin oder Außlegung“, fand jedoch das von Becker vorgegebene musikpraktische Verfahren so unbefriedigend, dass er es unternahm „anfänglich zwar nur etliche wenige Melodeyen aufzusetzen“, die er als Erstfassung 1628 „zu Freyberg bey Georg Hoffmann“ in Druck gab und der Kurfürstin Hedwig widmete.

Aufgrund des Erfolges des Schütz’schen Opus veranlasste Adolph Friedrich, Herzog zu Mecklenburg, eine inhaltlich identische Neuauflage, die 1640 in Güstrow erschien.

Auf Anweisung seines Dienstherrn Johann Georg II. überarbeitete Schütz 1660 sein Werk, obwohl er, wie er im Widmungsschreiben an den Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel erklärte, seine „übrige kurze Lebenszeit“ lieber mit der Vollendung angefangener Sachen habe verbringen wollen. Schließlich erschien 1661 in Dresden die revidierte und erweiterte Zweitfassung der Psalmen Davids, „Hiebevorn in Teutzsche Reime gebracht durch D. Cornelius Beckern, und … nach gemeiner Contrapunctsart in 4. Stimmen gestellt durch Heinrich Schützen“.

Johann Georg II.

Johann Georg II.
Darstellung aus einem Krönungsdiarium (1658)
Quelle: Wikimedia Commons

 
Heinrich Schütz mit seiner Hofkapelle im Dresdner Residenzschloss

Heinrich Schütz inmitten seiner Kapellmitglieder in der alten Dresdner Schlosskapelle
Kupferstich von David Conrad (1676)

Übrigens erlebte der „Becker-Psalter“ eine weitere Überarbeitung als neues Dresdner Hofgesangbuch: Christoph Bernhard, einer der bekanntesten Schütz-Schüler, redigierte 1676 den „Becker-Psalter“ und edierte diesen in reduzierter Form sowie als Sammlung mit einstimmigen Generalbassliedern unter dem Titel „Geistreiches Gesangbuch“. – In diesem Gesangbuch findet sich auch der berühmte Stich von David Conrad, der Schütz mit seiner Hofkapelle in der Schlosskapelle des Dresdner Residenzschlosses zeigt.

 

Für wen ist der „Becker-Psalter" gedacht?

Mit der Drucklegung seines „Becker-Psalters“ stellte Schütz sein Opus ganz unterschiedlichen Ausführenden zur Verfügung: den Hofkapellen ebenso wie den Schulchören der städtischen Lateinschulen, den an evangelischen Kirchen tätigen Laienmusikern, die auch im ländlichen Raum wirkten. Nicht zuletzt für den Hausgebrauch waren diese Lieder gedacht.
So ist Schütz’ „ Becker-Psalter“ SWV 97–256 Gebrauchsmusik im besten Sinne. Einst hatte Kurfürst Johann Georg II. beschlossen, „dieses Buch in seinen Landen bekannt zu machen und in Kirchen und Schulen einführen zu lassen“. Auch heute noch findet es vielfach Verbreitung im Laien- und Kirchenchorbereich.

Wie sollte Schütz' „Becker-Psalter“ genutzt werden?

Gelegentlich nutzte Schütz die Vorreden zu seinen Werken, um seine Vorstellungen von der richtigen Interpretationsweise zu vermitteln oder um unterschiedliche Aufführungsvarianten aufzuzeigen. Obwohl das für dieses Gesangbuch explizit nicht der Fall ist, können auch die Psalmlieder des „Becker-Psalters“ sehr abwechslungsreich gestaltet werden: rein vokal, mit Continuo-Begleitung oder auch mit colla-parte spielenden Instrumenten: Hier dient die Begleitung durch die Instrumente als Stütze für die Gesangsstimme und ist weitgehend mit dieser identisch; sie kann jedoch auch eine fehlende Stimme ersetzen.
Ebenfalls möglich ist eine gemischte vokal-instrumentale Darbietungsweise, bei der eine Stimme – jedoch nicht zwangsläufig die Sopran-Melodie – gesungen, der Rest gespielt wird.
Folgt man schließlich Christoph Bernhards Ausgabe als „Geistreiches Gesangbuch“, ist sogar eine solistische Besetzung mit passender Instrumentalbegleitung angemessen.

Umfassende Details zur Entstehung, Analyse und Rezeption des „Becker-Psalters" finden sich auf der Website des Heinrich-Schütz-Hauses Bad Köstritz.

 
 
 

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